Marmorierkunst – suminagashi – liu sha jian

 Die Marmorierkunst hat asiatische Vorfahren: In der chinesischen Textsammlung 文房四谱 Wen Fang Si Puor (Vier Schätze für das Studium), die 986 n.Ch. von Su Yijian, Rektor der Hanlin-Akademie, veröffentlicht wurde, findet sich ein früher Hinweis auf liú shā jiān 流沙箋, heute schlicht mit Marmorpapier übersetzt. In Japan sei, will man den Angaben in “Kimono and the Colors of Japan” (2005, S. 202) glauben, das Färben der Seiden auch mit fließender, schwim-mender Tusche erfolgt, genannt bokuryū-zome, später bekannter als suminagashi 墨流し. Und das schon in der Asuka-Periode um 600 n.Ch., während die frühesten Bildbeispiele in der Gedichtsammlung Sanjurokunin Kashu erhalten sind, die dem Tenno Shirakawa zu seinem 60. Geburtstag, 1118, überreicht wurde. [http://en.wikipedia.org/wiki/Paper_marbling, 28.06. 2011]

 Folgt man den jüngeren Spuren der Marmorierkunst nach Persien, Indien, in die Türkei und schließlich nach Westeuropa und in die USA, finden sich die unterschiedlichsten Ausprägungen der Handhabungen und Farbmate-rialien. Zum Beispiel jene Miniatur aus Bijapur, datiert 1625, die einen Asketen zeigt, der ein ebenso mageres Pferd reitet. Während der Herstellung wurde der Bildträger mit wechselnden Masken abgedeckt, die u.a. die Konturen des Pferdes aussparten. In der Mehrzahl Buchbinder in ganz Europa bedienten sich ab der Barockzeit des Marmorierens, um Buntpapier für den Buchschmuck herzustellen. Ihre Geschichte ist in zahlreichen Publikationen nachzulesen, am ausführlichsten in Richard J. Wolfe: Marbled Paper: Its History, Techniques, and Patterns. University of Pennsylvania Press, 1990.

 Auch meine puristisch ausgestattete Werkstatt startete 1986 mit ornamentalen Buntpapieren. Den Umgang mit Ölfarben lernte ich von Walter Bruns auf Mallorca. Erst dann begann ich nach historischen Quellen zu forschen. Vordergründig suchte ich die Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten – Musterbücher des 19. Jahrhundert, Verfah-rensbeschreibungen, chemische Hilfsmittel … Aber dann öffnete sich mir ein neuer Kontinent: Asien. Dort gab es zwar die ersten überlieferten Hinweise wie suminagashi. Aber wann wurde die Tusche aus China nach Japan importiert? Und welcher Geist hütete die „vier Schätze“? – Bestenfalls bleiben nur die Fragen, mit Gedanken, die sich nicht in Worte oder Zeichen fassen lassen. Fragezeichen, die schwimmen, wie Schlieren, die versanden.

So sollen auch die Bilder zu verstehen sein, die die erste Ausgabe meiner Homepage begleiten. Dem Ornament entglitten, gestaltet mit Ölfarben zum Teil auf Leinwand fixiert, dem Kunstverständnis des vergangenen Jahrhunderts verhaftet.

 

Orientierungspunkte

2001 widmete das Kunstmuseum Bonn Lee Ufan eine Einzelausstellung. „Lee Ufan erzeugt einen Spannungsbogen zwischen der materiellen Präsenz des Pinselstrichs und der räumlichen Leere über die weiße ungerahmte Leinwand hinaus in den Raum des Betrachters“, war in einem Begleittext nachzulesen. – Läßt sich Leere, wenn schon nicht im Begriff zu fassen, bildlich darstellen?

Um 1833 hat Katsushika Hokusai (1760-1849) mit dem Holzschnitt „Amida-Wasserfall in den Bergen von Kiso“ ausnahmsweise schon im Titel eine Überhöhung der Betrachtung aufgenommen: Amida ist der Name eines transzendenten Buddha, dem im ostasiatischen Raum höchste Verehrung zuteil wird. In der Darstellung des nach ihm benannten Wasserfalls aber fällt in Eiszapfen-starren Kaskaden aus einem kreisrunden See, dessen Form an den Kalligraphie-Kreis, ensō, erinnert.

                                                                       

 Dieses Symbol steht für „Erleuchtung, Stärke, Eleganz, das Universum und die Leere, kann aber auch die japanische Ästhetik an sich symbolisieren.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Ens%C5%8D) Und dieser Kreis ist das erste Ergebnis einer Arbeit bei suminagashi:

                                                                       

 Wie die beiden Beispiele zeigen, ist die Technik des Marmorierens eng mit der spirituellen Kraft verbunden, die auch von den Ausdrucksformen der Zen-Künste ausgeht, wie z. B. Schreibkunst (Shodō), die Kunst des Bogenschießens (Kyūdō) oder Tuschezeichnungen (Sumi-e). Gut geschult im Handwerk und ganz, versammelt im kokoro (Herz-und- Verstand, xīn, shin ), konzentriert  auf das Platzieren der Farben, entsteht das Werk intentionslos. Nicht zufällig, jedoch wie absichtslos beschreibt der Pinsel einen Ort auf Wasser so vergänglich wie ein Mandala. Gerettet wird ein Blütenteppich im spontanen Zugriff, Zudecken, Entdecken. Das Bild entsteht danach immer wieder neu im Geist des Betrachters: „Ich lehre den, der Farben zusammenstellt, die Herstellung des Bildes. Das Bild ist nicht in den Farben noch in der Leinwand noch auf der Tafel.“ (Lankavatara-Sutra)